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Es gibt drei goldene Regeln
bei der Traubenweinherstellung:
- Ein Traubenwein wird niemals mit Wasser verdünnt.
- Nur vollreife Trauben ergeben einen guten Wein.
- Qualitative Einbußen durch Verstöße gegen die
ersten beiden Regeln können durch handwerkliches Winzerkönnen nicht
vollständig ausgeglichen werden.
Die erste Regel ist schnell erklärt: Traubenweine
haben im Vergleich zu anderen Früchten ein eher mäßig intensives Aroma. Beim Einsatz von Wasser
schmeckt der Wein im wahrsten Sinne des Wortes verwässert.
Die nächsten beiden Regeln gelten nicht nur für
Traubenweine, sondern auch für alle Fruchtweine. Da Traubenweine
aber nicht mit Wasser verdünnt werden sollen ist die Vergärung von
unreifen Trauben besonders problematisch. Um das nachvollziehen zu können
müssen wir uns mit den Vorgängen während der Traubenreifung beschäftigen.
Von
Traubenreifung und Reifekurven
Der Ablauf der Traubenreife und die damit
verbundenen stofflichen Veränderungen hängen von vielen Faktoren ab.
Abbildung T2.1 zeigt exemplarisch wie sich der Zucker- und Säuregehalt,
die Beerengröße und die Bildung von Farbstoffen unter idealen Bedingungen
typischer Weise entwickeln. Bei dunklen Trauben ist der Beginn der Fruchtreife durch die Bildung von roten Farbstoffen (rote Kurve im Schema)
gut erkennbar, helle Trauben werden zunehmend durchsichtig. Gleichzeitig kommt
es zu einer deutlichen Zunahme der Beerengröße (grüne Kurve), außerdem steigt
der Zuckergehalt massiv an (schwarze Kurve) und kann Werte von 100°Oe und
mehr erreichen. Der Säuregehalt (blaue Kurve) nimmt über den gesamten
Reifezeitraum hinweg ab. Säuregehalte von deutlich über 30 g/L sind bei
unreifen Trauben nicht selten, erst in der Endphase der Reife sinkt der
Säuregehalt in den „trinkbaren Bereich“ von 10 g/L und weniger. In
sonnenverwöhnten Anbauregionen kann der Säureverlust sogar zu stark
ausfallen.
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Abb. T2.1: Schematische
Darstellung der Entwicklung von Traubengröße und Inhaltsstoffen
während der Traubenentwicklung und Traubenreife (nach Watson
2003). |
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Selbst angebaute Trauben werden oft unreif geerntet
und verarbeitet, entweder weil der Hobbywinzer nicht die nötige Geduld
aufbringt, weil er die Reife nicht erkennt, weil die Reben schlecht erzogen wurden oder weil die Trauben
aufgrund der geographische Lage des Anbaugebiets gar nicht reif werden
können. Was hat das für Auswirkungen auf die Weinbereitung?
Das Zucker-Problem
Werden Weine mit ungenügender Zuckermenge vergoren,
so entsteht unter Umständen so wenig Alkohol, dass der Wein anfällig für
Weinfehler bleibt. Die Restsüße nach der Gärung wird extrem niedrig sein,
der Wein wir mit hoher Wahrscheinlichkeit zu sauer schmecken. Da der
Hobbywinzer frei schalten und walten kann ist das Zucker-Problem jedoch
schnell gelöst: Er kann den Traubenmost nach Belieben mit Zucker
versetzten.
Das Säure-Problem
Während der Reife ändert sich nicht nur der
Gesamtsäuregehalt, wie in der Grafik T2.1 dargestellt, sondern auch die Säurezusammensetzung: Unreife Trauben
enthalten zunächst große Mengen von Apfel- und Weinsäure. Der Apfelsäure
wird nachgesagt, dass sie am „unreifen“ Geschmacksbild zu früh geernteter
Trauben beiträgt. Hier sei erwähnt dass die Meinung über die negative
geschmackliche Auswirkung hoher Apfelsäuremengen kontrovers diskutiert
wird. Aus eigener Erfahrung halten wir an der "traditionellen" Meinung
fest: Die Apfelsäure ist im Wein eher unerwünscht.
Während der Reifung baut die Traube große Mengen Apfelsäure ab, dies
geschieht insbesondere in warmen Nächten, in denen die Apfelsäure veratmet
wird. Übrig bleibt ein Überschuss der im Wein eher erwünschten Weinsäure.
Bei unreifen Trauben ist also nicht nur der
Säuregehalt zu hoch, auch die Säurezusammensetzung ist ungünstig. Das
Einstellen eines akzeptablen Säuregehalts und gegebenenfalls die
Beeinflussung der Säurezusammensetzung ist Grundvoraussetzung für die
Herstellung eines akzeptablen Weins. Wir haben dem „Säuremanagement“
deshalb ein eigenes Kapitel gewidmet.
Das Geschmacks-Problem
Mit der Reife verändert sich die Zusammensetzung
aromarelevanter Inhaltsstoffe massiv. Beispielhaft seien hier die
Methoxypyrazine und die Monoterpene genannt: Die Methoxypyrazine sind für
vegatative, „grüne“ Aromen mitverantwortlich, die besonders bei Rotweinen
unerwünscht sind. Die Methoxypyrazin-Werte sind in unreifen Trauben
besonders hoch und sinken im Laufe der Reife ab. Der Monoterpengehalt nimmt im Laufe der
Reifung hingegen zu, diese Substanzen vermitteln einen frisch-fruchtigen Geschmack. Die
Bildung von Farbstoffen (siehe Abbildung T2.1, rote Kurve) kann als grobes Maß
für die positiven aromatischen Veränderungen beim Reifungsprozess dienen:
Die Kurve verläuft sehr steil, dies bedeutet dass die Trauben auch kurz vor der
Ernte durch jeden weiteren, warmen Tag deutlich an Qualität gewinnen können.
Fassen wir alle drei Probleme nochmals zusammen:
Unreife Trauben enthalten zu wenig Zucker und zu viel Säure. Selbst wenn
der Hobbywinzer diese Probleme in den Griff bekommt: Die
Aromazusammensetzung ist und bleibt ungünstig.
Wie erkenne ich reife Trauen?
Grundsätzlich werden Merkmale der physiologischen
und die phenolischen Reife voneinander unterschieden.
Das wichtigste Merkmal der physiologischen Reife ist
der Zuckergehalt im Zusammenspiel mit dem abnehmenden Säuregehalt. Die
physiologische Reife ist erreicht sobald der Säure- und Zuckergehalt der
Trauben für die Weinherstellung brauchbare Werte erreichen. Welche Werte
ideal sind hängt von der Traubensorte und dem herzustellenden Wein ab.
Grobe Richtwerte sind in den Kapiteln zur Herstellung von Rot- und
Weißwein genannt.
Die Zunahme des Zuckergehalts kann mit Hilfe eines
Refraktometers (siehe Kapitel „Analytik“) noch vor Ort leicht beobachtet
werden. Die Messung ist jedoch fehleranfällig, denn der Zuckergehalt kann
sich von Traube zu Traube stark unterscheiden. Gleiches gilt für den
Säuregehalt. Es ist daher wichtig dass der Hobbywinzer mehrere Messungen
durchführt um eine möglichst repräsentative Aussage zu erhalten.
Merkmal der phenolischen Reife ist die Zunahme von
Farb- und Gerbstoffen (Anthocyane, Phenole, Tannine). Der Farbstoffgehalt erreicht auf
dem Höhepunkt der Reife den höchsten Wert und kann anschließend leicht
sinken. In diesem Stadium sind die gewünschten Aromen optimal ausgeprägt.
Eine Messung dieser Parameter ist zwar möglich, wird aber in der Praxis
nur selten durchgeführt, auch aus Kostengründen. Der erfahrene Winzer
verlässt sich eher auf das Augenmaß und auf seinen Geschmacksinn. Ein
objektives Indiz für die phenolische Reife: Bei vielen Trauben verfärben
sich die Kerne braun.
Nur unter optimalen Bedingungen sind physiologische
und phenolische Reife zeitgleich. Unter nicht optimalen Bedingungen
erreichen Trauben unter Umständen weder die physiologische noch die
phenolische Reife.
Woher bekomme ich reife Keltertrauben?
Glücklich ist wer in Weinbaugebieten direkt beim
Winzer reife Keltertrauben kaufen kann. Inzwischen lohnt auch die Suche in
Internet-Auktionshäusern: Zur Weinlese werden dort regelmäßig Trauben
angeboten. Sie erreichen den Hobbywinzer aber nicht immer in einwandfreien
Zustand.
Anbau von Keltertauben im eigenen Garten
Da wir keine Trauben im eigenen Garten kultivieren
können wir hier keine detaillierte Anleitung zur Erziehung der Trauben
geben. Unter „Links“ und „Literatur“ verweisen wir auf geeignete Quellen.
Wir möchten aber einige wichtige Zusammenhänge darstellen, ohne Anspruch
auf Vollständigkeit, die den erfolgreichen Weinanbau im Garten wichtig sind.
Die Vermehrung der Reben sollte der Hobbygärtner
grundsätzlich den Profis überlassen: Edelreben werden auf einer Unterlage
einer amerikanischen, reblaus-resistenten Wildrebe gepfropft, wodurch die
Verbreitung des Schädlings eingedämmt werden soll. In einigen Gegenden ist
das auspflanzen von Reben ohne resistente Unterlage sogar verboten.
Bei der Wahl einer geeigneten Rebe müssen
geographische und klimatische Faktoren unbedingt berücksichtigt werden. Es
macht beispielsweise keinen Sinn, eine spät reifende Rebe im hohen Norden
Deutschlands zu pflanzen: Die Trauben werden niemals ein gutes Aroma
entwickeln. Gerade in hohen und kühlen Lagen sind frühreife Sorten zu
bevorzugen. Ein weiteres Problem ungünstiger klimatischer Bedingungen:
Pilzerkrankungen, die die Qualität und Menge der Ernte beeinträchtigen,
können gefördert werden. Wer keine „harte Chemie“ im eigenen Garten
anwenden möchte sollte pilzwiderstandsfähige Neuzüchtungen („Piwis“) in
die engere Wahl nehmen. Diese Sorten sind zwar nicht völlig resistent, die
notwendigen Pflanzenschutzmaßnahmen sind gegenüber anderen Sorten aber
deutlich reduziert.
Abbildung T2.2 zeigt exemplarisch wie wichtig
Planzenschutzmaßnahmen sein können.
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Abb. T2.2: Dieses Bild
demonstriert die Anfälligkeit von Weinreben für Pilzerkrankungen.
Beide gezeigten Weinreben waren nur wenige Meter voneinander
entfernt. Die Pflanze links wuchs am Wegesrand und wurde nicht
gespritzt, die Pflanze rechts wurde gespritzt. |
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Gerade in ungünstigen Klimaregionen muss der
Hobbywinzer seine Rebpflanzungen sorgfältig planen. Nur eine gute
Ausrichtung zur Sonne und ein genügend großer Rebabstand garantiert dass
das einfallende Licht und die Sonnenwärme optimal genutzt werden können.
Diesem Zweck dient auch die Reberziehung, auf die hier mangels eigener
Erfahrung nicht näher eingegangen werden soll. Hauptziel der Reberziehung
ist nicht ein möglichst hoher Ertrag, sondern die Produktion von reifen
Tauben mit einem ausgewogenem Säure-Zucker-Verhältnis! Ein wesentlicher Aspekt
der Reberziehung ist
die Reduktion von Trieben und Blättern, wodurch die verbliebenen
photosynthetisch aktiven Pflanzenteile möglichst wenig Beschattung
erfahren. Auch der Bereich um die Trauben selbst sollte vom Blattwerk
befreit werden damit sie möglicht viel Sonne „tanken" können und damit
sich möglichst wenig Nässe in den Trauben halten kann, so wird der
Schimmelbefall reduziert.
Aber auch die Anzahl der Trauben muss gegebenenfalls reduziert
werden damit ein qualitativ guter Ertrag garantiert wird. Es gilt: Je
weniger Trauben an einer Rute verbleiben, desto besser ist der Qualität
der verbliebenen Trauben. Hierbei spielt das Verhältnis von Blattfläche zu
Frucht eine große Rolle. Als grobe Faustformel gilt: Fünf bis sechs voll
ausgebildete Blätter pro Traube sollten es sein. Hat die Rebe ungünstige
klimatische Bedingungen oder ist nicht gut zur Sonne ausgerichtet, so kann
eine weitere Reduktion der Trauben sinnvoll sein.
Trägt die Rebe zu viele Trauben, so verteilt sich die
„Kraft“ auf zu viele Früchten, wodurch die Ausbeute zwar höher ausfällt,
die Qualität aber sinkt.
Gesetzliche Regelungen zum Anbau von Trauben
Im privaten Bereich ist der Anbau von Keltertrauben
auf eine Anbaufläche von höchstens 100 qm beschränkt. In einigen
Bundesländern müssen auch private Rebanpflanzungen beim zuständigen Amt
gemeldet werden. Von dieser Regelung ausgenommen sind „Hausweinstöcke“ die
an Häuserwänden wachsen.
Selbst gemachter Traubenwein darf nicht „in Umlauf
gebracht“ werden, das heißt er darf nicht außerhalb des Privathaushaltes
abgegeben werden. Hierin eingeschlossen ist die kostenlose Abgabe an
Freunde und Bekannte!
Tafeltrauben dürfen in unbegrenzten Mengen angebaut
werden. Aus Tafeltrauben hergestellter Wein darf natürlich ebenfalls nicht
in Umlauf gebracht werden. Auch solche Flächen müssen in einigen
Bundesländern gemeldet werden.
Wein aus Tafeltrauben
Im Vergleich zu Keltertrauben sind die Beeren von
Tafeltrauben oft besonders groß, weichhäutig, kernarm bis kernlos und
hängen in der Traube eher frei und sind leicht vom Fruchtstiel zu lösen.
Geschmacklich sind die Tafeltrauben oft unterlegen, manchmal haben sie
auch zu wenig Säure und zu wenig Zucker. Die Grenzen zu
Keltertrauben und die Verwendbarkeit zur Weinherstellung sind allerdings
fließend.
© Dr. Andreas Kranz, Birgit Schmuck
2009
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